Wochenbett und Neugeborenenphase: Der Leitfaden für die ersten 12 Wochen in Österreich
Die ersten 12 Wochen mit dem Neugeborenen sind intensiv und prägend: Alles zu Hebammen-Hausbesuchen auf Kasse, Behördenwegen via digitalem BabyPoint, minimalistischer Erstausstattung und den ersten Eltern-Kind-Pass-Untersuchungen.

Das Wichtigste in Kürze
- -Gesetzlicher Anspruch auf kostenfreie Kassenhebammen-Nachsorge im Wochenbett (Hausbesuche bis zur 8. Woche).
- -Fristen und Behördenwege: Geburtsurkunde, Meldezettel binnen 13 Tagen und automatischer e-card-Versand via BabyPoint.
- -Saisonale Erstausstattungs-Checkliste (Sommer- vs. Winterbaby) ohne unnötigen Konsumballast.
- -Eltern-Kind-Pass Untersuchungen: 2. Untersuchung (1. Woche, Vit. K/D, Hörscreening, Hüftultraschall) und 3. Untersuchung (4.-7. Woche).
Hebammen-Nachsorge im Wochenbett: Gesetzlicher Anspruch & Hausbesuche
Mütter in Österreich haben einen gesetzlich verankerten Anspruch auf eine Kassenhebamme, die im Wochenbett Hausbesuche durchführt. Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) sowie die weiteren Träger (SVS, BVAEB) übernehmen die Kosten zu 100 % (die Hebamme rechnet direkt mit der Kasse ab, es entstehen keine Vorauszahlungen):
- Tägliche Hausbesuche: Vom 1. bis zum 5. Tag nach der Spitalsentlassung (bei Kaiserschnitt, Mehrlingsgeburten oder Frühgeburten bis zum 6. Tag) kommt die Hebamme täglich nach Hause.
- Verlängerte Nachbetreuung: Bei speziellem Bedarf (z. B. Stillproblemen, Damm- oder Kaiserschnitt-Wundversorgung, verzögerter Rückbildung) kann die Betreuung bis zum Ende der 8. Lebenswoche (weitere 7 Hausbesuche) verlängert werden.
- Ambulante Geburt: Bei Entlassung am Geburtstag oder Folgetag stehen der Familie zwei Hausbesuche in der Schwangerschaft sowie tägliche Besuche vom 1. bis 10. Tag nach der Geburt zu.
Hebammensuche frühzeitig starten: Suchen Sie bereits im zweiten Schwangerschaftsdrittel nach einer freien Kassenhebamme über das Verzeichnis des Österreichischen Hebammengremiums (hebammen.at).
Wenn die Stimmung kippt: Baby Blues und Wochenbettdepression
In den ersten Tagen nach der Geburt weinen die meisten Frauen ohne fassbaren Grund, sind dünnhäutig, reizbar und erschöpft. Das ist der Baby Blues, und er trifft je nach Erhebung die Hälfte bis vier Fünftel aller Mütter. Er hängt am Hormonabfall nach der Geburt, erreicht typischerweise um den dritten bis fünften Tag seinen Höhepunkt und klingt innerhalb weniger Tage von selbst ab. Er braucht keine Behandlung, sondern Schlaf, Essen und jemanden, der das Kind für zwei Stunden übernimmt.
Davon zu unterscheiden ist die Wochenbettdepression, eine Erkrankung, die etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Mütter betrifft. Die Fachwelt spricht davon, wenn die Symptome länger als zwei Wochen anhalten. Sie kann bis zu einem Jahr nach der Geburt beginnen, also auch dann, wenn das Wochenbett längst vorbei ist und niemand mehr danach fragt.
Die Anzeichen sind: eine anhaltend getrübte Stimmung, häufiges Weinen, Ängste, der Verlust von Interesse an allem, auch am Kind, Schlafstörungen, die über das Aufwachen für das Baby hinausgehen, Grübeln, Zweifel am eigenen Wert und starke Schuldgefühle gegenüber dem Kind. Genau diese Schuldgefühle sind der Grund, warum viele Frauen nichts sagen: Wer glaubt, eine schlechte Mutter zu sein, erzählt das nicht.
Der Weg zur Hilfe ist kurz und kostet nichts. Die Nachsorgehebamme ist oft die erste Person, die etwas merkt, und ausdrücklich zuständig. Dazu kommen die Frauenärztin oder der Hausarzt, die telefonische Gesundheitsberatung unter 1450 und die Frühe Hilfen: regionale Netzwerke, die Familien über Monate zu Hause begleiten, kostenlos und ohne Diagnose als Voraussetzung. Welches Netzwerk für den Wohnort zuständig ist, steht auf fruehehilfen.at.
Zwei Dinge sind dabei wichtig zu wissen. Eine Wochenbettdepression ist behandelbar, und zwar gut: Psychotherapie wirkt, bei schwereren Verläufen auch Medikamente, von denen mehrere mit dem Stillen vereinbar sind. Und sie betrifft nicht nur Mütter. Auch Väter und zweite Elternteile entwickeln depressive Episoden im ersten Jahr, nur wird bei ihnen seltener gefragt.
Behördenwege nach der Geburt: BabyPoint & Fristen
Nach der Geburt müssen wichtige Formalitäten zügig erledigt werden:
- Digitaler BabyPoint (oesterreich.gv.at): Mit ID Austria können Geburtsurkunde, Meldezettel und Staatsbürgerschaftsnachweis direkt online beantragt werden. Alternativ bieten viele Spitäler einen Schalter-BabyPoint vor Ort an.
- Geburtsurkunde & Standesamt: Das Spital meldet die Geburt dem Standesamt. Die persönliche oder digitale Beantragung der Geburtsurkunde sollte innerhalb von 3 Tagen nach Spitalsentlassung erfolgen.
- Wohnsitzanmeldung (Meldezettel): Das Neugeborene muss zwingend binnen 13 Tagen am Hauptwohnsitz der Eltern angemeldet werden.
- e-card & SV-Nummer: Mit der Beurkundung informiert das Standesamt den Hauptverband. Die e-card mit der Sozialversicherungsnummer des Babys wird automatisch per Post an den gemeldeten Wohnsitz zugestellt.
Minimalistische Erstausstattung: Sommer- vs. Winterbaby
Für die ersten Lebenswochen genügt eine funktionale, gut abgestimmte Grundausstattung (vorzugsweise Größen 56 und 62):
- Kleidung: 4-6 Wickelbodys (Gr. 56/62), 3-4 Strampler/Hosen mit Fuß, 2-3 Strickjäckchen, mehrere Paar Erstlingssocken. Sommer: Dünne Baumwollhauben und leichte Baumwollstoffe. Winter: Gefütterter Wollwalk- oder Fleece-Overall, 2 warme Mützchen und Fausthandschuhe.
- Wickeln & Pflege: Wickelauflage, Windeln (Größe 1), Baby-Mandelöl, weiche Waschlappen, sterile Kochsalzlösung (für Augen/Nase) und digitales Fieberthermometer mit flexibler Spitze.
- Schlafen: Beistellbett mit fester, schadstoffgeprüfter Matratze, passender Schlafsack (Sommer: dünn / Winter: gefüttert, TOG-Wert beachten), Mulltücher/Spucktücher.
- Unterwegs: Zugelassene Babyschale fürs Auto (ECE R129 / i-Size), Kinderwagen mit Liegewanne sowie elastisches Tragetuch oder ergonomische Babytrage.
- Wochenbett-Box für die Mutter: Atmungsaktive Wöchnerinnen-Vorlagen (ohne Plastikfolie), Regenerations-Spülflasche (Peri Bottle), Kühlpads für den Dammbereich, bequeme Still-BHs und Stilleinlagen.
Kinderarzt-Untersuchungen im Eltern-Kind-Pass
Das österreichische Vorsorgeprogramm schützt die gesunde Entwicklung von Anfang an. Alle Untersuchungen sind über die Sozialversicherung kostenfrei:
- 1. Untersuchung (U1 im Spital): Direkt nach der Geburt werden APGAR-Score, Vitalzeichen, Gewicht, Kopfumfang sowie das Neugeborenenscreening (Fersenbluttest auf Stoffwechselerkrankungen) durchgeführt.
- 2. Untersuchung (1. Lebenswoche): Kontrolle von Reflexen, Hautfarbe (Gelbsucht-Check), Gewichtsentwicklung sowie Verabreichung von Vitamin K (Blutungsschutz). In dieser Phase erfolgen auch das Neugeborenen-Hörscreening und der Hüftultraschall (Alpha-/Beta-Winkel nach Graf).
- 3. Untersuchung (4. bis 7. Lebenswoche): Umfassender orthopädischer und pädiatrischer Status (Wirbelsäule, Hüftkontrolle, Herz- und Lungenfunktion, Augen- und Hörreaktionen). Besprechung von Trinkverhalten, Stillen, Blähungen und Schlaf.
Seit der Umbenennung vom Mutter-Kind-Pass zum Eltern-Kind-Pass mit Jänner 2024 sind mehrere Leistungen dazugekommen, die viele Familien nicht kennen und deshalb nicht abrufen: eine psychosoziale Beratung am Beginn der Schwangerschaft, eine zweite freiwillige Hebammenberatung vor der Geburt, ein zusätzlicher Ultraschall, das Hörscreening für Neugeborene, ergänzende Laboruntersuchungen sowie eine Ernährungs- und Gesundheitsberatung für Schwangere, Stillende und junge Eltern. Dazu kommt eine freiwillige Elternberatung zur Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung. Alle diese Leistungen sind über die Sozialversicherung abgedeckt.
Vitamin D Prophylaxe: Ab der 2. Lebenswoche wird in Österreich die tägliche Gabe von 400 bis 800 I.E. Vitamin D (z. B. Oleovit Tropfen) bis zum Ende des ersten Lebensjahres (und im 2. Winter) zur Rachitis-Prävention empfohlen.
Wichtige Notrufnummern & Organisationstipps für das Wochenbett
Die wichtigsten Nummern gehören an den Kühlschrank, nicht ins Telefonbuch. Wer sie im Ernstfall sucht, sucht zu lange.
144 ist der Rettungsdienst bei lebensbedrohlichen Notfällen, 112 der europäische Notruf, der auch ohne Guthaben und im fremden Netz funktioniert. 141 ist der Ärztefunkdienst für den Hausbesuch außerhalb der Ordinationszeiten, 1450 die telefonische Gesundheitsberatung rund um die Uhr, die einschätzt, ob es bis morgen warten kann. +43 1 406 43 43 ist die Vergiftungsinformationszentrale, durchgehend besetzt und die richtige Nummer, bevor man irgendetwas zum Erbrechen bringt. 147 Rat auf Draht ist kostenlos und anonym rund um die Uhr erreichbar, in erster Linie für Kinder und Jugendliche, aber auch für Eltern in einer akuten Notlage; Beratungstermine für Eltern gibt es über elternseite.at.
Die ersten vierzehn Tage dienen der Regeneration und dem Bonding, nicht dem Vorzeigen des Kindes. Besuche auf den engen Kreis beschränken, Mahlzeiten vor der Geburt einkochen und einfrieren, und den Papamonat beziehungsweise den Familienzeitbonus genau in diese Wochen legen: Er ist dafür gemacht, dass jemand den Haushalt übernimmt, während die Mutter sich erholt.
Häufige Fragen (FAQ)
Wie viele Hebammen-Hausbesuche bezahlt die Krankenkasse in Österreich?
Die Kasse zahlt tägliche Hausbesuche vom 1. bis 5. Tag nach der Entlassung (bei Kaiserschnitt bis zum 6. Tag). Bei Stillproblemen oder Wundheilungsstörungen sind bis zur 8. Woche weitere Hausbesuche voll gedeckt.
Binnen welcher Frist muss mein Baby in Österreich angemeldet werden?
Die Wohnsitzanmeldung (Meldezettel) muss innerhalb von 13 Tagen erfolgen. Die Beantragung der Geburtsurkunde wird innerhalb von 3 Tagen nach der Entlassung aus dem Spital empfohlen (digital via BabyPoint möglich).
Welche Untersuchungen im 1. Lebensmonat sind Pflicht für das Kinderbetreuungsgeld?
Die 2. Untersuchung (1. Lebenswoche) und die 3. Untersuchung (4. bis 7. Lebenswoche) des Eltern-Kind-Passes müssen fristgerecht durchgeführt und nachgewiesen werden, um Kürzungen beim Kinderbetreuungsgeld zu vermeiden.
Wie lange muss Vitamin D im Säuglingsalter gegeben werden?
In Österreich wird Vitamin D (z.B. Oleovit Tropfen) ab der 2. Lebenswoche täglich mit 400 bis 800 I.E. bis zum Ende des ersten Lebensjahres und im folgenden Winter empfohlen.
Was unterscheidet den Baby Blues von einer Wochenbettdepression?
Der Baby Blues beginnt in den ersten Tagen nach der Geburt, hat seinen Höhepunkt um den dritten bis fünften Tag und klingt innerhalb weniger Tage von selbst ab. Von einer Wochenbettdepression spricht die Fachwelt, wenn die Symptome länger als zwei Wochen anhalten; sie kann bis zu einem Jahr nach der Geburt beginnen und betrifft etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Mütter. Sie ist behandelbar, und Psychotherapie ist dabei die erste Wahl.
An wen wende ich mich, wenn es mir nach der Geburt psychisch schlecht geht?
An die Nachsorgehebamme, die Frauenärztin oder den Hausarzt, an die telefonische Gesundheitsberatung unter 1450 oder an die Frühe Hilfen. Die Frühe Hilfen sind regionale Netzwerke, die Familien über Monate zu Hause begleiten, kostenlos und ohne dass eine Diagnose vorliegen muss. Das zuständige Netzwerk steht auf fruehehilfen.at.
Weiterführende Informationen
- Vertragshebammen: Hausbesuche im Wochenbett (Österreichische Gesundheitskasse)
- Hebammensuche und Hebammenberatung (Österreichisches Hebammengremium)
- Eltern-Kind-Pass: Leistungen und Untersuchungen (Sozialministerium)
- Wochenbettdepression (postpartale Depression) (Gesundheitsportal Österreich)
- Frühe Hilfen: Netzwerke für Familien (Frühe Hilfen Österreich)
- Schwangerschaft und Geburt: Digitaler BabyPoint (oesterreich.gv.at)
- Vergiftungsinformationszentrale (Gesundheit Österreich GmbH)
